Verkündigung durch Architektur

Die evangelisch-lutherische St.Johannis-Kirche in Hamburg-Harvestehude wurde 1880-1882 im Stil der Neugotik erbaut. Sie ist in Architektur und künstlerischer Ausstattung weitgehend original erhalten. Die Kirche zählt deshalb zu den eindrucksvollsten Hamburger Denkmälern des späten 19. Jahrhunderts und findet auch über die Stadt hinaus Beachtung.
Der erste Kirchenvorstand wählte aus sieben Vorschlägen den Entwurf des Architekten Wilhelm Hauers zur Realisierung aus. Der Architekt entwarf die Kirche ganz im Geiste des „Eisenacher Regulativs“, welches ein Vorschriftenkatalog zur Gestaltung von protestantischen Kirchen ist. Das Ergebnis: eine nahezu vollkommene Komposition neugotischen Kunstempfindens, sichtbar auch in Details wie Kirchenbänken, Lesepulten, Orgelprospekt, Terrazzo-Fußboden und Deckengemälde.

Botschaft des neugotischen Kirchbaus

Die St.Johannis-Kirche ist eines der besterhaltensten Hamburger Baudenkmäler seiner Epoche. In der Geschlossenheit der Konzeption nimmt sie unter den neugotischen Gotteshäusern in Deutschland eine besondere Stellung ein.
Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert war die Gotik die übliche Bauweise in Europa. Es folgten u.a. Renaissance und Klassizismus, welche sich durch die Bevorzugung von strengen Bauformen der klassischen Antike auszeichneten. Die Baumeister des 19. Jahrhunderts griffen dagegen verstärkt auf gotische Formen zurück. Diese historischen Stile des vorigen Jahrhunderts bezeichnen wir heute als neuromanisch und neugotisch. Von 1861 bis 1891 war die Neugotik in Deutschland der bevorzugte Kirchenbaustil.
Um an die Freiheit und Geisteskultur der mittelalterlichen Städte anzuknüpfen, errichtete man in neugotischem Stil vor allem Kirchen, Parlamente, Rathäuser und Universitäten. Bei der St. Johannis-Kirche ist die Neogotik auf ihrem Höhepunkt angelangt und zu einer eigenständigen Architekturform gereift.

St. Johannis-Harvestehude

Am Beispiel der Kathedrale von Chartres erkennt man, dass der gotische Bau sowohl ein Querschiff als auch einen Wandelgang um den Chorraum besitzt und vier Seiten des Kreuzes betont. Im Unterschied dazu ist in St. Johannis die Vierung vor der Kanzel stärker betont als der Altarraum. Im Hauptschiff entsteht dadurch ein nahezu quadratischer Predigtraum, in dem die Sitzbänke mit Blick auf die Kanzel quer gestellt sind. Ein eigenes Gestaltungselement erhält der Altarraum durch seinen kunstvollen Terrazzoboden.

Das Eisenacher Regulativ von 1861

Das Eisenacher Regulativ strebte eine normative Regelung für den protestantischen Kirchbau an. Die Verfasser erhofften die Wiederaufnahme eines homogenen Baustils, den sie durch die Reformation unterbrochen sahen. In 16 Sätzen wurde der Anschluss an das vornehmlich germanisch geprägte, mittelalterliche „deutsche Bauen“ gesucht. Als besondere Merkmale sahen die Verfasser die Ostung der Kirche vor, sowie bei ausreichender Größe ein kreuzförmiger Grundriss mit ausgeprägtem Langhaus. Das Regulativ wurde erst 1891 durch das Wiesbadener Programm überholt.

Auszug aus dem Eisenacher Regulativ
Die Würde des christlichen Kirchenbaus empfiehlt das längliche Viereck; neben der altchristlichen Basilika und der „vorgotischen“ (romanischen) Bauart wird der „sogenannte germanische (gotische) Styl“ bevorzugt. Der Altarraum ist um mehrere Stufen über den Boden des Kirchenschiffes zu erhöhen. Auch dürfen keine Schranken den Altarraum von dem Kirchenschiffe trennen. Der Altar mag je nach liturgischem und akustischem Bedürfnis mehr nach vorne oder rückwärts, zwischen Chorbogen und Hinterwand, darf aber nie unmittelbar (ohne Zwischendurchgang) vor der Hinterwand des Chors aufgestellt werden. Die Kanzel darf weder vor noch hinter oder über dem Altar, noch überhaupt im Chor stehen. Ihre richtige Stellung ist da, wo Chor und Schiff zusammenstoßen, an einem Pfeiler des Chorbogens nach außen (dem Schiffe zu). Die Orgel, bei welcher auch der Vorsänger mit dem Sängerchor seinen Platz haben muss, findet ihren natürlichen Ort dem Altar gegenüber am Westende der Kirche auf einer Empore über dem Haupteingang.

Wilhelm Hauers Entwurf zur St. Johannis-Kirche hielt sicher streng an die Vorgaben des Eisenacher Regulativs.


Granatapfel und Passionsblume

Die im katholischen Raum beliebten Motive des Granatapfels und der Passionsblume tauchen seit der Neugotik auch in evangelischen Kirchen auf. In der christlichen Symbolsprache steht der Granatapfel für die Kirche als Ekklesia, als Gemeinschaft der Gläubigen. Die Blüten der Passionsblume sind Zeichen der Passion Christi. Sie erinnert an die Liebe Gottes und an das Abendmahl. Sowohl der Granatapfel als auch die Passionsblume gewannen im 19. Jh. in der kirchlichen Kunst merklich an Bedeutung.